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25. August 2012

Lost in Gentrification

Unser Sammelband zur Gentrifizierung ist da! Mein erstes Buch, bei dem ich zusammen mit Volker Surmann als sog. Herausgeber fungiere. Außerdem habe ich mich darin sogar halbtheoretisch mit dem Thema auseinandergesetzt. Den Prozess kennen schließlich inzwischen alle Großstädte: die rasante Aufwertung ganzer Stadteile und die Vertreibung derer, die dort vorher gelebt haben. Die Kontroversen darüber werden verbissen diskutiert und mit harten Bandagen ausgefochten. Zeit, den Prozess mal satirisch zu betrachten.

Neben allen Lesedünen-Mitgliedern haben auch so tolle Autoren wie Patrick Salmen, Kirsten Fuchs, Tilman Birr, Ahne, Frank Klötgen, Martin "Gotti" Gottschild und viele andere Texte beigesteuert.
Kaufen könnt Ihr das Buch zum Bespiel HIER oder natürlich auch HIER.

Außerdem gibt es eine Lesung zur Buchpremiere. Und zwar am 25. September im Heimathafen Neukölln.


26. Juli 2012

Schöne Bücher

Falls jemand noch gute Urlaubslektüre sucht, hier ein paar neuere Bücher (aus diesem und letztem Jahr), die ich ziemlich gut fand. Und die auch optisch sehr ansprechend sind. In Deutschland sind Buchcover - gerade von den großen Verlagen - meistens nicht so schön. Aber zum Glück wandelt sich das in letzter Zeit. Die Cover werden schlichter, aber passen meistens trotzdem besser zum Inhalt. Und Suhrkamp-Bücher machen sich im Regal ja seit jeher besonders gut.

Das erste Buch ist eine Essay-Sammlung namens Bluescreen des New Yorker Publizisten Mark Greif, der auch Herausgeber der interessanten amerikanischen Zeitschrift n+1 ist. In seinem Aufsätzen geht es um Reality-TV, ästhetische Ideologie und natürlich Amerika. Gerade der letzte Essay ist lesenswert, Greif beschreibt darin, wie er als weißer Mittelständler versucht, sich die schwarze Hip-Hop-Kultur anzueignen, die er leider in seiner Jugend verschlafen hat. Eine kulturtheoretische Abhandlung anhand seiner persönlichen Erfahrung, Rappen zu lernen.




















Theorie und Erzählung gehen auch in Thomas Meineckes neuen Roman Lookalikes einher. Eigentlich ist das gar kein Roman, jedenfalls keiner den Reich-Ranicki als solchen gelten lassen würde, falls das noch jemanden interessiert. Meinecke beschreibt Doppelgänger von Stars wie Josephine Baker, reist aber dann selbst, als Romanfigur Thomas Meinecke, nach Brasilien, um die Rituale des candomblé mit poststrukturalistischer Theorie kurzzuschließen. Wie oft bei Meinecke geht es dabei gerade auch um Mode, Queerness, und Semiotik. 




















Ein "echter" Roman ist dagegen Leif Randts Schimmernder Dunst über Coby County, eines der jungen Erfolgsbücher aus dem letzten Jahr. Randt beschreibt das Leben in einer utopischen Stadt, in der die Wellness regiert und Überraschungen kaum mehr stattfinden. Trotzdem ist der Blick der Hauptfigur ein melancholischer, auch wenn seine Sprache auf Werbefloskeln reduziert ist.




















Ebenfalls eine Art Wellness-Dikatur herrscht in Angelika Meiers zweiten Roman Heimlich, heimlich mich vergiss. In einer gläsernen Klinik, die scheinbar hoch über der wie auch immer gearteten "normalen" Welt schwebt, sorgen Ärzte, die wie die Hauptfigur Dr. Franz von Stern mit einer zusätzlichen Hirnrindenschicht und einem Mediator zwischen den Rippen ausgestattet sind, für ihre Patienten, die sich schon längst von der Wirklichkeit verabschiedet haben. Aber plötzlich blitzt in Sterns Leben durch eine Begegnung mit einer neuen Patientin eine Vergangenheit auf, in der neben der sterilen Ärzte-Welt noch eine andere Realität existiert.




















Eines der besten Bücher, die ich in den letzten Jahren gelesen habe, ist Jonthan Lethems neuster Roman Chronic City. Der ehemalige Kinderstar Chase Insteadman trifft einen der letzten Bohemians der Upper East Side namens Perkus Tooth und macht sich zusammen mit ihm auf eine durch Marihuana angefeuerte Suche nach rätselhaften Kaldronen, in denen sie vollkommene Auflösung zu finden hoffen. Das alles spielt in einem New York, in dem ein riesiger Tiger ganze Häuser zerstört, Adler an Hochhäusern nisten, künstliche Fjorde in der Stadt klaffen, Schokoladengeruch in der Luft hängt, den manche aber auch als hellen Ton wahrnehmen und schon seit langen nur noch winterliche Temperaturen herrschen. Und über allem die Frage: Was ist die Wahrheit und kann man sie überhaupt noch von der Simulation unterscheiden?


16. März 2012

Herrndorf

Ich war ja etwas überrascht, als ich las, dass Wolfgang Herrndorf für sein tolles Buch "Sand" den Leipziger Buchpreis bekommt. Die Preisvergabe für literarische Werke sind in Deutschland ja immer etwas seltsam. Ausgezeichnet werden doch immer eher die biederen Feuilleton-Lieblinge und die wirklich interessanten, wichtigen und auch ziemlich erfolgreichen zeitgenössischen Autoren wie etwa Rainhald Goetz oder Christian Kracht, werden einfach ignoriert. Na ja, da ist es doch schön, wenn einer wie Herrndorf, der im Prinzip nur gute Bücher geschrieben hat (das bekannteste ist natürlich "Tschick"), so einen Preis bekommt. Schließlich wird er ja auch gerne dem so gehassten Genre "Popliteratur" zugerechnet. Übrigens schreibt Herrndorf auch einen sehr schönen, aber vor allem ziemlich traurigen Blog über seine Krebserkrankung.





















Am Sonntag bin ich mit der Lesedüne auch auf der Buchmesse in Leipzig. Abends zum Beispiel in der schönen UT Connewitz...

8. Februar 2012

Hipster

Der so genannte Hipster ist dieser Tage – und eigentlich auch schon länger – verstärkt im Gespräch. Kürzlich befasste sich der Kulturteil der Süddeutschen Zeitung mit dem Neuköllner Hipster. Eigentlich braucht man es gar nicht mehr sagen: Natürlich war der Artikel auf fast schon peinliche Weise schlecht. Die Hipster hassen sich selbst, so der Tenor des Textes, denn sie mögen keine Sauftouristen, die natürlich in Neukölln gerade auch Hipster sind. Der Autor (aus München...?) war wahrscheinlich für die Recherche des Artikels zum ersten Mal in Neukölln. 
Naja, nun ist ein semiwissenschaftlicher Band, der sich mit der Subkultur-Gattung des Hipster beschäftigt, erschienen. Vor allem Autoren aus dem Umfeld des New Yorker Magazins n+1 schreiben darin über den Hipster, der ihrer Meinung nach gerade vom Aussterben bedroht ist oder gar schon ganz verschwunden: Der Originaltitel lautet dann auch: Who was the hipster?

Der Hipster fotografiert natürlich nur mit Instagram...
Die deutsche Ausgabe wurde um drei Beiträge erweitert, die sich mit dem bundesrepublikanischen Ausprägungen des Hipstertums – natürlich vor allem in Berlin – auseinandersetzen. Ein eigentlich löbliches Unterfangen, da die amerikanischen Hipster-Zuschreibungen doch sehr national oder sogar New-York-spezifisch gehalten sind. Leider sind die deutschen Beiträge nicht gerade ein Hoch der essayistischen Kunst, sondern eher langweiliges und feuilletonistisches Widerkäuen von allzu bekanten Stereotypen, einzig der Text von Thomas Meinecke und Eckhard Schumacher ist streckenweise interessant. Zumindest hinterfragt Jens-Christian Rabe in seinem Beitrag den Hass, den Hipstern auch in diesem Buch wieder so unreflektiert entgegenschlägt.
Die amerikanischen Autoren ergehen sich ebenso in den üblichen Vorurteilen: Hipster sind die Stoßtruppen der Gentrifizierung, machen grundsätzlich keine Kunst, sondern konsumierten nur ununterbrochen, leben vom Geld der Eltern, tragen schlecht sitzende Röhrenjeans (warum schreibt eigentlich nie jemand von den 99 Prozent der Bevölkerung, die außerordentlich schlechtsitzende Jeans in den furchtbarsten Schnitten tragen?) und sind eigentlich vollkommene Mittelstands-Idioten. Naja, die Vice war wahrscheinlich wirklich schon immer ein scheiß Magazin – sexistisch und in den USA womöglich auch rassistisch. Und American Apparel ist natürlich auch kein Musterunternehmen (immerhin produziert es Fair Trade, ganz im Gegensatz zu H&M oder auch Weekday), aber dieser Aspekt des Hipstertums, ein durchaus aufklärerischer, unironischer und gesellschaftskritischer, der sich etwa auch darin niederschlägt, dass weite Teile der Hipster in Kreuzberg natürlich Linke und Grüne wählen oder jetzt die Piratenpartei (in Amerika natürlich Obama), Bio gut finden, alte Plattenspieler auf dem Flohmarkt kaufen statt Flachbildschirme bei Media Markt, Club Mate trinken statt Red Bull und auch unter den Occupy-Demonstranten zu finden sind. Und natürlich eher wenig Geld haben, aber sich deswegen nicht den Spaß verderben lassen wollen. Alles Klischees natürlich und Abgrenzung durch Konsum – Pop-Linke könnte man sie abwertend nennen. Aber ist das wirklich der Feind? Warum regt sich eigentlich nie jemand über wirklich gespenstischen Entwicklungen auf, z.B. dass die einzigen, die noch FDP wählen, bzw. einen beträchtlichen Teil der Führungselite der Partei stellen, unter vierzig sind (und schlecht sitzende Anzüge und ekelhafte randlose Brillen tragen). Oder diese ganzen Missionars-Freaks, die überall Jesus-loves-you-Poster aufhängen.
Meinecke erzählt im Buch, warum das so ist: Der Hipster ist ein Schnösel, muss ein Schnösel sein. Er weiß besser als der Normalbürger – oder zumindest früher – was angesagt ist, musiktechnisch, klamottentechnisch – und ja: grenzt sich damit von den anderen ab. Aber nicht aggressiv. Jedenfalls lange nicht so penetrant aggressiv wie vermeintliche Nicht-Hipster sich von Hipster abgrenzen wollen.
Trotzdem ist das Buch durchaus lesenswert. Das liegt daran, dass sich die meisten Autoren klar darüber sind, dass sie nur ihre Vorurteile gegenseitig bestätigen wollen – und sich in meist unterhaltsamen, biographisch gefärbten Essays mit den Hipstern auseinandersetzen. Und das zum Glück auch selbstironisch. Denn – das ist überdeutlich – die meisten von ihnen sind selbst Hipster. Sonst würden sie sich gar nicht mit Hipstern beschäftigen, sondern Seminare zu den ästhetischen Schriften Schillers geben. Kaum eine Publikation in den USA wird mehr als Hipster-Magazin wahrgenommen als n+1. Außerdem werden immer wieder lustige Thesen vertreten: Kafka als Hipster zum Beispiel oder digitale Selbstfotographie als Ausgangspunkt des weiblichen Hipsters.